What to find here?

Mittwoch, 10. April 2013

Schattenspiele







Wohin Weshalb


Nun werde ich überall mit dieser Frage konfrontiert: Wieso lebst du denn in China? Aus einer Spielerei wurden Monate, aus Monaten wurden mehr als 2 Jahren, die ich auf dem Festland verbracht habe. Für mich war es irgendwann eine Selbstverständlichkeit und ich hatte irgendwann keine Lust mehr mich in Deutschland (mal hier, mal dort mit der Hilfe von Floskeln) rechtfertigen zu müssen, also tat ich es nicht mehr. 

Der Kontrast zu den Festlandchinesen könnte nicht größer sein. Hier scheinen alle Eigenschaften, die mir in China schon gar nicht mehr auffallen, an die ich mich (glücklicherweise oder unglücklicherweise) gewöhnt zu scheinen habe, nur noch stärker hervorzutreten. 
So entspannt, so ruhig, so respektvoll (bloß nicht den Arm neben mir berühren) - ich traue mich nicht in der Ubahn zu telefonieren und wenn dann halte ich meine Hand schützend vor den Mund. 
Und natürlich sage ich offen meine Meinung über den Status Taiwans. Auch gerne bei der ersten Begegnung mit einem älteren Ehepaar, was so freundlich ist und mich durch die ganze Stadt Hualiens kutschiert. Was mich mit einer unfassbaren Selbstverständlichkeit in seinen Familienkreis aufnimmt, mich bekocht und von gleich zu gleich und ohne Vorurteile über Politik diskutiert. 

Ist Taiwan das bessere China? Ich möchte diese Frage nicht beantworten. 




Dienstag, 22. Januar 2013

Vom grauen Rauschen

Morgens setzt das Rauschen wieder ein. Durchbrochen von den nöligen Sirenen der Krankenwagen nimmt es seine unterschwellige Monotonie auf, deren Ton irgendwann nicht mehr wahrzunehmen ist, so tief ist er in dein Bewusstsein eingedrungen. "Diäääannaaoo, koongtiaaoo, Diäääannaaoo, koongtiaaoo..." - der Marktschreier, den ich bis in meinen 10.Stock hören kann, kündigt den Beginn des nächsten Arbeitstages an. Der erste Blick aus meinem Fenster und ich wünsche, heute würde er auch "Luuuffttreeiiiniiger" schreien, aber solch einen Luxus leisten sich bislang nur die Ausländer. Ich sehe kaum das Ende der Strasse, nur grauen Dunst. In Beijing wäre es das Nichts.

Das neue Jahr beginnt beunruhigenderweise mit einem Schwall von Verschleierungen.


Am 1. Januar schrieb der leitende Redakteur der Southern Weekly wie jedes Jahr seinen Neujahrsgruß, der mit einer Auflage von rund 1.6 Millionen seit über 29 Jahren begeistert gelesen wird und bekannt ist für seine kritischen Töne. Er schrieb über die Partei und ihre Beziehung zur Verfassung. Vielleicht äußerte er sich ein wenig zu kritisch über die -  milde ausgedrückt - überhebliche Beziehung der Partei zur Verfassung, denn der Text schien dem Chef der Propagandaabteilung Guangdongs, Tuo Zhen, nicht allzu sehr zu gefallen. Schon seit dem Beginn der Ausarbeitung der Neujahrsausgabe, war es immer wieder zu Einmischungen des Propagandabüros gekommen. Zuerst missfiel ihnen das Thema der Ausgabe. Dann wurde der Titel von "Chinas Traum - Der Traum vom Konstitutionalismus" (“中国梦,宪政梦) erst zu "Wir sind unserem Traum näher als zuvor" (我们比任何时候都更接近梦想) , dann in "Heimatland Traum" (家国梦) und schliesslich in der Nacht zum 1.Januar nochmals in  追梦 abgeändert, was ungefähr mit "Die Jagd nach dem Traum" zu übersetzen ist. In dieser Nacht wurde dann endgültig das Grußwort  - wohl vom stellvertretenden Propagandaminister - umgeschrieben. Das Wort "Konstitutionalismus", um das der Text ursprunglich kreiste, wurde nun völlig gestrichen. Und so kam es, dass aus dem gewohnt kritischen Neujahrsgruß, der Zuspruch auf die Verfassung hätte sein sollen, eine Lobpreisung der Partei wurde, die wohlbemerkt mit den dümmsten Fehlern übersät war.


Dann begannen die Proteste. Die Southern Weekly trat in den Streik, vor den Toren der Redaktion sammelten sich die Demonstranten. Es kam zu einer Menge von Solidaritätskundgebungen und die Kritik an der Medienpolitik der Partei wurde heftiger. In einem öffentlichen Brief forderten mehr als dreißig Journalisten die Resignation des Propagandachefs Guangdongs Tuo Zhen. Chinas bekanntester Blogger Han Han, dem um die 30 Millionen online folgen, veröffentlichte ebenso ein sehr eindeutiges Statement. Die beliebte Schauspielerin Yao Chen zitierte den russischen Schriftsteller Aleksandr Solzhenitsyn "One word of truth overweights the whole world". Sie wurde, wie viele andere später von der Polizei "zum Tee" eingeladen.

Schon am 4. Januar war die Website eines sehr einflussreichen und sehr liberalen Magazines, der Yanhuang Chunqiu lahmgelegt worden. Bis vor ein paar Tagen wurde der Besucher von einem Cartoon-Polizeimännchen empfangen. Wieder schien der Zensurabteilung der kritische Ton und die Forderung, die Partei möge sich doch bitte an die Konstitution halten, nicht zu gefallen.

Derweile sterben Schwäne in verpesteten Seen Hunans, in Shaanxi explodieren Rohre und hinterlassen mehr als 39 Tonnen giftige Chemikalien in den Flüssen und in Shanghai wird mehr als 30.000 Bewohnern das Wasser abgestellt, weil Industriechemikalien in einen Fluss gelaufen sind. In Guangdong fließen Hunderte von Tonnen Rohöl in die Flüsse und, ach ja, Mac Donalds und KFC wurden mit Hühnchenabfällen beliefert.


In China nichts Neues.

Sonntag, 13. Januar 2013

Bored to Death - Shenzhen


Was bleibt, sind die verschwommenen Kondenzstreifen, die sich in Richtung Hongkong verlieren.
Auf meinem Schoß ruhen warme Frühlingsrollen, die ich mir mechanisch in den Mund stopfe. Das  organische Etwas, was aus ihnen hinausquillt, versuche ich zu ignorieren. Stattdessen konzentriere ich mich auf die Muster im Himmel über Shenzhen.

Scarlett Johansson sitzt in irgendeinem amerikanischen Flughafen und während sie unentwegt irgendetwas in sich hineinschaufelt, vergisst sie sich und die Zeit über "The Heart is a Lonely Hunter". Schließlich ist das Buch beendet und ihr Flugzeug ohne sie abgeflogen. Und sie wird dieses Buch nie vergessen.
Ich bin nicht Scarlett und "The Heart is a Lonely Hunter" kann mich gerade nicht retten. Mir bleibt bloß, meinen Kondenzstreifen nachzutrauern und artig auf den Flug zu warten.

Neben mir klappern die Stricknadeln und zaubern irgendetwas Rosaleuchtendes mit Zopfmuster. Für das Kind, was mir gegenüber laut aufheult, wird es wohl nicht sein. Drei Klappse auf den Hintern und aus dem  Geheule wird Geschrei. Dann folgt ein kräftiger Schlag vom Vater auf den Hintern des kleinen Jungen, der nun glücklicherweise von seiner Mutter in ihre schützenden Arme geschlossen wird. Alle anderen Wartenden starren mit stumpfen Blicken auf ihre Smartphones. Mein Nachbar bohrt dabei ungeniert in seiner Nase und versucht mit aller Fingerfertigkeit, den Dreck, den diese Stadt in seinen Besuchern ablagert, aus seinen Nasenlöchern zu entfernen.

Ich habe in Shenzhen nichts anderes gesehen außer gestapelte Frachtkontainer und monotone Hochhäuser, die im Smog der Stadt verschwimmen. Mehr will ich auch nicht sehen.
 

Montag, 10. Dezember 2012

Im Traumland







Im Vorrübergehen


Seit ich in Shanghai wohne, in diesem hohen und hässlichen Ungetüm, umgeben von einem Gewimmel kleiner Häuschen und Haustierverkäufer, gehe ich kaum noch spazieren. Liegt es daran, dass es kaum schöne Parks gibt, in denen man sich verlaufen kann? Dass es nicht dem Wesen der Stadt entspricht, für eine Weile nichts zu machen, außer langsam zu laufen? Früher, als ich in Hangzhou wohnte, musste ich nur meinen Campus überqueren und schon war ich in in den Bergen, am See oder im Botanischen Garten und ging oft stundenlang spazieren. Danach war mein Kopf wieder frei, um noch mehr chinesische Schriftzeichen aufzunehmen.

Eigentlich hatte ich mir den Tag freigenommen. Doch weil meine Kollegin mich dann doch überredet hatte mir ihr zu einem Vortrag eines Professors der Parteihochschule für die Stadtkader der Behindertenverbände zu gehen, konnte ich erst abends mit dem Zug nach Hangzhou fahren. Als ich ankam, war es schon dunkel und mit mir standen nun die unzähligen Pendler, die sich diese Menschenmengen täglich antun, in der unterirdischen Taxischlange. Ich gab nach einer halben Stunde auf und ging zu Fuß. Bahnhofsgegenden sind nie die schönsten Ecken einer Stadt - das trifft auch auf Hangzhou zu - aber nach wenigen Metern im Freien, konnte ich mich wieder genau erinnern, was ich an dieser Stadt so liebte.

Als ich das erste Mal Hangzhou besuchte, stieg ich völlig verkatert nach einer durchgemachten Nacht aus dem Flugzeug. Es war mild und zum ersten Mal roch ich in China die Luft, die mich umgab. Nach einem guten Monat im bitterkalten Beijing, erschien mir Hangzhou wie eine Erlösung von dieser wirren, Blade-Runner-Stadt. Während in Beijing und in Shanghai die Menschen stumpf und mit starrem Blick nach vorn gerichtet durch die Strassen eilen, gehen hier die Menschen noch spazieren. Während in Beijing und Shanghai die Leute wie Wahnsinnige ins Fitnesstudio rennen, wird in Hangzhou abends am See getanzt, gemeinschaftliche Fitnessübungen gemacht oder - wie ich früher auch - um den See herum gelaufen.

Früher musste ich nur den Berg hinter meinem Campus überqueren und schon war ich am See. Ich schrieb schnell eine Nachricht an meinen guten Freund und schon trafen wir uns zu einem Bier oder einem Tee am See und schauten hinaus aufs Wasser. Darum war ich nun sehr froh, dass er mich an diesem Tag nach Hangzhou einlud, um zu einer Einweihung eines neuen Photostudios zu kommen und schon kurz nach meiner Ankunft spazierten wir wie früher am See entlang. Die Bergsilhouetten verschwammen am Horizont und kleine Pagodenspitzen leuchteten wie kleine Sterne in den Bergwipfeln.

"Kennst du Gu Hongming? Ich lese gerade viel Literatur aus der Zeit des Ende der Qing Dynastie. Gu Hongming war auch nach der Xinhai Revolution ein treuer Anhänger der Monarchie und des Konfuzianimus. Lernt ihr das auch in der Uni?", fragt er mich? "Nein, von Gu Hongming habe ich leider noch nicht gehört", muss ich zugeben. "Ich habe in letzter Zeit viel über diese Periode gelesen, aber gerade in der Uni behandeln wir eher die Refomer, als die Konservativen."
"Ich finde es sehr wichtig, sich mit diesem Zeitabschnitt um die Jahrhundertwende zu beschäftigen", fährt er fort. "Viele Debatten die damals geführt wurden, sind den heutigen sehr ähnlich. Damals schwankte man zwischen Modernisierung oder Traditionalismus. Wie sah die chinesischen Moderne aus, wenn man nicht den westlichen Weg einschlagen wollte und konnte? Mit genau diesen Fragen beschäftigen wir uns heute immer noch. Und übersehen dabei oft, dass schon vor mehr als 100 Jahren schlaue Antworten gefunden worden sind."
 
Wir setzen uns in eine der kleine Pagoden, die den See säumen und schauen den kleinen Ruderbooten hinterher, die langsam über das Wasser wandern. "Ich mag den Vergleich zwischen heute und dem Ende der Ying Dynastie. Vor 100 Jahren kreisten die Debatten eigentlich um genau das gleiche Problem wie heute: Wohin? Tradition und Moderne zu welchem Anteil?", sage ich. "Dass es nicht entweder oder ist, zeigt Hangzhou. Dass es nicht einseitig sein darf, das zeigt Shanghai. Ich sollte Gu Hongming lesen."

Mein Freund zögert kurz. "Eigentlich sind wir in Hangzhou um die Ruhe zu genießen. Heute wollen wir nur spazieren gehen. In Shanghai können wir uns dann wieder mit solchen abtrakten Konstrukten wie der Moderne auseinandersetzen. Dort bleibt uns sowieso nichts anderes übrig."




Sonntag, 2. Dezember 2012

In den Gassen von Honkou

Als ich das erste Mal nach Shanghai kam, übernachtete ich nicht in der französischen Konzession und nicht im Stadtzentrum, sondern im nördlichen Honkou. Es war ein wunderschön hergerichtetes und kleines Hostel, versteckt in kleinen chinesischen geprägten Alleen und ich war ganz hingerissen von der Mischung aus europäischer Architektur und chinesischem Strassenchaos. Ich liebte es durch die kleinen Gassen zu wandern und abends auf den Strassenmärkten Muscheln mit ganz viel Öl und ganz viel Knoblauch zu essen und auf meinem Plasikhöckerchen ein Bier nach dem anderen zu trinken. Die Gassen waren voll mit dampfenden Töpfen, gefüllt mit Meerestieren, Eingeweiden und Zungen, überall wurden Kleinigkeiten verkauft, überall wurde gegessen und getrunken und dazwischen schlängelten sich Autos und Motorräder. Der Bund und alle anderen Sehenswürdigkeiten konnten mich hier dagegen nie allzu sehr reizen.
Das Hostel, das ich auf Empfehlung von Bekannten buchte, wurde mein Ausgangspunkt in Shanghai. Ich freundete mich mit dem Besitzer an, er bewirkte, dass ich mir meiner Faszination und Zuneigung für China bewusst wurde, er gab mir meinen chinesischen Namen, ich erlebte wie er plötzlich Vater wurde. Als ich jedoch das erste Mal dort übernachtete, war ich völlig unwissend, in was für einer Umgebung ich nun schlafe.

Mehr als zwei Jahre war ich nun nicht mehr dort in Honkou. Ich wohne nun in der verwestlichen Französischen Konzession, in der es mehr westliche Bäckereien, als Baozi gibt und mehr Kaffee als Tee getrunken wird. Zur Erholung schwinge ich mich auf mein Rad und fahre trotz Regen in den Norden.

Shanghai -  die Stadt mit den höchsten Wolkentkratzern, mit den größten Hotels, das viele Geld, die schicksten Restaurants, die schnellsten Transportmittel. Ausländer können sich ganz wie zu Hause fühlen; es gibt Spekulationskekse und Baumkuchen, Hummus und Shakshuka, Baby und Kindermode, die man auch in Berlin-Mitte finden würde, Schwangerenjoga und französische Wein und Käsebars.

Als 1933 die ersten jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland in Shanghai aufschlugen, war die Stadt zwar schon international geprägt, aber doch noch ein ziemlich schreckliches Gewimmel. Das Klima war unerträglich schwül, die Wohnräume erbärmlich. Kaum einer wusste, dass man sein Gemüse und Obst vor dem Verzehr abkochen musste, es kam zu Krankheiten. Für viele jüdischen Flüchtlinge, die sich entschieden hatten, die lange Schiffahrt nach Shanghai auf sich zu nehmen, war es jedoch die letze und einzige Chance der Shoah zu entkommen. Die Konferenz von Evian hatte gezeigt, dass sich die Aufnahmebereitschaft der meisten Länder in Grenzen hielt. Keines der Länder lockerte seine Aufnahmebedingungen, niemand erhöhte die Aufnahmequote. So bliebt für viele Juden nur noch eine Möglichkeit: Shanghai, denn hier benötigte man für die Einreise kein Visum.

Shanghai war mit dem Vertrag von Nanjing 1842 zur Öffnung für den Handel mit ausländischen Mächten gezwungen worden. Nach und nach sicherten sich zunächst die Engländer, dann Franzosen, Amerikaner und schließlich die Japaner exterritoriale Rechte und stellen Teile Shanghais unter ihre jeweilge Jurisdiktion. Durch den verstärkten internationelen Handel wuchs die Einwohnerzahl und die wirtschaftliche Bedeutung erheblich. In den 1920er Jahren war Shanghai die schillernste und wirtschaftlich florierendste, aber gleichzeitg auch die berüchtigste Stadt Asiens.

In Folge der Machtergreifung Hitlers kamen zunächst rund 15 000 Juden, hauptsächlich aus Östereich und Deutschland, nach Shanghai, deren Strom sich nach der Reichsprogromnacht nochmals erheblich verstärkte. Es war weniger die jüdische Oberschicht, die auf den letzten Drücker nach Shanghai flüchtete, sondern die weniger betuchten Juden und da sich die meisten von ihnen das Leben in der internationelen Zone nicht leisten konnten, zog es sie in das ärmlich und chinesische Honkou.
Shanghai war jedoch 1937 in die Hände der Japaner gefallen. Die Situation verschärfte sich nun im Zuge des chinesich-japanischen Krieges erheblich. Lebensmittel, Wohnraum und Arbeit wurde noch knapper, was sich natürlich auch auf die Bereitschaft mehr Flüchtlinge aufzunehmen ausübte. Nach 1939 verschäften die Japaner die Einreisebestimmungen und am 18. Februar 1934 errichteten die Japaner schließlich  - auch auf Druck des Verbündeten Deutschlands - ein Ghetto in Honkou, wo die Lebensbedingungen noch härter waren. Man benötigte einen Passierschein um das Ghetto zu verlassen und die Japaner waren in China nicht gerade für ihre humanitäre Freundlichkeit bekannt. Hilfe kam nur von jüdischen Vereinen, die von von wohlhabenden lokalen Juden gegründet worden waren.

Michael Blumenthal war eines der Kinder, die eines der letzten Schiffsplätze Richtung Shanghai ergattern konnten und schließlich in der Zhongshan Lu, dem Zentrum des jüdischen Ghettos, wohnte. Nach der Befreiung des Ghettos am 3. September 1945 ging er mit seiner Familie wie viele andere nach Amerika. Nie wurde Shanghai als eine neue Heimat angesehen, sondern immer nur als Übergangslösung und so zogen die Shanghaier Juden nach Kriegsende in alle Richtungen weiter: nach Amerika, nach Australien oder nach Israel. Blumenthal machte Karriere, stieg auf bis zum Finanzminister unter President Carter und ist seit 1996 Direktor des Jüdische Museums in Berlin.
Wenige blieben in China, darunter der östereichische Urologe Jakob Rosenthal. Schon 1941 begleitete er als Militärarzt die kommunistische Armee. Als Mitglied der chinesischen Volksbefreiungsarmee kämpfte er gegen die Japaner und später im chinesischen Bürgerkrieg gegen die Guomindang.  Nach dem Sturz des Nazi-Regimes, entschied der österreichische "General Luo" in China zu bleiben und am Marsch der Roten Armee nach Beijing teilzunehmen. Er kehrte 1949 nach Wien zurück, dem Jahr in dem die Volksrepublik China gegründet wurde. 

All das wusste ich nicht, als ich zum ersten Mal durch das Honkouer Durcheinander wanderte und ich mich wunderte über die kleinen, doch viel zu europäisch angehauchten Häusern, den man jetzt noch ihre Vergangenheit ansieht. Am Ende der Zhongshan Lu fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen. Ich stand vor der Ohel Moshe Synagoge, die jetzt als Museum für Jüdische Flüchtlinge in Shanghai dient.

Die Strasse sind in Honkou nun weitgehend aufgeräumt. Die wirren Essenstände sind in die Häuser getrieben worden, viele Strassemärkte verboten worden, mein Lieblingsbarbeque exisiert nicht mehr. Manche Dinge hier verändern sich in Windeseile, andere sind in einen schleichenden Prozess verwickelt.